Vortragender steht an einem Rednerpult vor einer Leinwand mit einer Präsentationsfolie zum Thema Risiken und Nebenwirkungen des Internets in sozialen Medien

Forschende des Deutschen Diabetes-Zentrums warnen vor gesundheitlichen Fehlinformationen in Sozialen Medien

DZD Pressemitteilungen

Berlin / Düsseldorf

Wissenschaftler des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Düsseldorf haben kürzlich im Rahmen des Deutschen Diabetes Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) eindringlich vor den Risiken gesundheitlicher Fehlinformationen im Netz gewarnt, insbesondere in den Sozialen Medien. Alle beteiligten Referentinnen und Referenten der Session sind selbst als Content Creator in Sozialen Medien aktiv und kennen die beschriebenen Dynamiken aus eigener Erfahrung. Hier benennen sie verbreitete Fehlinformationen und falsche Versprechen ‒ und wie man sich gegen diese schützen kann.

Fast jeder und jede sucht mittlerweile online nach Gesundheitsinformationen. Gleichzeitig zeigen aktuelle Untersuchungen, dass drei von vier Menschen in Deutschland eine nicht ausreichende Kompetenz besitzen, solche Informationen kritisch einzuordnen. Soziale Medien gewinnen als Informationsquelle dabei stetig an Bedeutung, sind jedoch kaum reguliert.

Viele Kanäle schaffen gezielt Misstrauen gegen evidenzbasierte Medizin

Maximilian Huttasch, Arzt und Forscher am DDZ, der in den sozialen Medien über Mythen in der Stoffwechselmedizin aufklärt, erklärte auf dem DDG-Kongress, das Ziel vieler Kanäle sei nicht Aufklärung, sondern der Verkauf von Produkten oder die Generierung von Aufmerksamkeit. Er stellte typische Muster vor, anhand derer sich Fehlinformationen erkennen lassen. So werde häufig das Narrativ des unterdrückten Wissens bedient: Ärzteschaft und Pharmaindustrie verschwiegen wirksame Erkenntnisse angeblich bewusst, um die eigenen wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Ebenso verbreitet seien persönliche Erfahrungsberichte als vermeintlicher Beweis, etwa Heilungsgeschichten ohne jeden wissenschaftlichen Beleg. All das schaffe gezielt Misstrauen gegenüber evidenzbasierter Medizin und senke die Hemmschwelle, unwirksame oder gefährliche Mittel auszuprobieren. Er verwies zudem auf die wachsende Verbreitung sogenannter Deep Fakes, also KI-generierter Videos oder Tonaufnahmen, in denen bekannte Persönlichkeiten täuschend echt nachgeahmt werden, um gezielt Vertrauen zu missbrauchen und vermeintliche Wunderpräparate zu bewerben.

Falsche Empfehlungen zu Nahrungsergänzungsmitteln

Alessandro Falcone, Medizinstudent im praktischen Jahr und Promovierender am DDZ, zeigte in seinem Vortrag, wie stark Nahrungsergänzungsmittel heute über soziale Medien beworben werden. Studien deuten darauf hin, dass Menschen, die Gesundheitsinformationen in sozialen Medien ausgesetzt sind, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel (“Supplements“) häufiger einnehmen, darunter insbesondere Eisen, Omega-3-Fettsäuren und Proteinpräparate. Besonders Vitamin D werde von Influencern mit teils nicht zugelassenen Wirkversprechen und sehr hohen Dosierungen beworben. Ein Mangel sei in der deutschen Bevölkerung vor allem in den Wintermonaten zwar weit verbreitet, die kursierenden Dosierungsempfehlungen könnten jedoch gefährlich sein. Wer einen Mangel vermutet, sollte den Spiegel zunächst ärztlich bestimmen lassen und dann gezielt supplementieren, betonte Falcone, der in den sozialen Medien unter anderem zu Longevity und Präventivmedizin aktiv ist. Als zweites Beispiel griff Falcone sogenannte Longevity-Supplements wie NAD-Booster auf. Diese werden häufig mit Versprechen wie mehr Energie, besserer Konzentration oder Anti-Aging-Effekten vermarktet und teils für hohe Beträge angeboten. Für einen relevanten Nutzen beim Menschen fehle bislang jedoch belastbare Evidenz.

Übertriebene Warnungen zu Süßstoffen und Blutzuckerspitzen

Zu den verbreitetsten Fehlinformationen zähle die Behauptung, Süßstoffe wie Aspartam oder Sucralose förderten Fettleibigkeit oder schädigten den Stoffwechsel, sagte Dr. Tim Hollstein, Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, der in den sozialen Medien zu Stoffwechselthemen aufklärt. Er stellte klar, dass solide Belege für diese Behauptungen bislang fehlen. Wer Süßstoffe als gelegentlichen Zuckerersatz nutzt, muss nach aktuellem Kenntnisstand keine gesundheitlichen Nachteile fürchten. Hollstein warnte zudem vor der wachsenden Popularität von Ratschlägen rund um Blutzuckerspitzen bei gesunden Menschen, die unter anderem durch die französische Influencerin Jessie Inchauspé, bekannt als „Glucose Goddess“, verbreitet würden. Bei Menschen ohne Diabetes reguliere der Körper Blutzuckerschwankungen nach dem Essen selbstständig und zuverlässig, eine besondere Essreihenfolge oder das kontinuierliche Messen des Blutzuckers sei medizinisch nicht notwendig.

Verharmlosung von erhöhten Cholesterinwerten

Dr. Catharina Hamm, Kardiologin, Inhaberin einer kardiologischen Praxis und ebenfalls aktiv in sozialen Medien, berichtete von Fehlvorstellungen, die ihr täglich in der Praxis begegnen. Viele Menschen hätten die Überzeugung, ein erhöhter Cholesterinspiegel sei harmlos oder sogar nützlich – etwa für Zellmembranen oder die Gehirnfunktion. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt etwas anderes: Erhöhte LDL-Cholesterinwerte zählen zu den wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Den größten Widerstand erlebe sie bei der Verordnung von Statinen. Viele Patienten kämen mit der Vorstellung in die Praxis, Statine seien gefährlicher als erhöhte Cholesterinwerte – häufig geprägt durch irreführende Inhalte aus sozialen Medien.

Unter Verweis auf aktuelle Studien zur Nebenwirkungsrate erläuterte Hamm, welche Risiken von Statinen tatsächlich wissenschaftlich belegt seien: Am häufigsten seien Muskelschmerzen, die meist mild und harmlos seien. Deutlich seltener könne es zu leichten Veränderungen der Leberwerte oder zu einem geringfügig erhöhten Diabetesrisiko kommen. Gedächtnisstörungen, Depressionen oder Gewichtszunahme hingegen würden zwar häufig behauptet, ließen sich in hochwertigen Studien jedoch nicht eindeutig nachweisen. Bei Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko überwiege der belegte Nutzen einer Statintherapie in aller Regel deutlich gegenüber möglichen Nebenwirkungen. Eine langfristige Behandlung sei in diesen Fällen daher medizinisch gut begründet, müsse dennoch immer individuell entschieden werden.

Wie kann man sich vor Fehlinformationen schützen?

Als erste Orientierung empfehlen die Expertinnen und Experten, die Qualifikation von Influencern zu prüfen und auf mögliche Interessenkonflikte zu achten, etwa ob ein Influencer Produkte bewirbt oder verkauft, über die er spricht. Kanäle ohne Impressum sind dabei ein Warnsignal. Maximilian Huttasch vom DDZ betonte jedoch, dass auch das keine abschließende Sicherheit bietet: „Auch approbierte Ärzte und Apotheker verbreiten mitunter Fehlinformationen. Am Ende hilft immer der kritische Blick und das Gespräch mit dem eigenen Arzt, besonders wenn es um tragende Entscheidungen wie den Beginn oder das Absetzen einer Therapie geht.”

 

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Das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) versteht sich als deutsches Referenzzentrum zum Krankheitsbild Diabetes. Ziel ist es, einen Beitrag zur Verbesserung von Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie des Diabetes mellitus zu leisten. Gleichzeitig soll die epidemiologische Datenlage in Deutschland verbessert werden. Federführend leitet das DDZ die multizentrisch aufgebaute Deutsche Diabetes-Studie. Es ist Ansprechpartner für alle Akteure im Gesundheitswesen, bereitet wissenschaftliche Informationen zum Diabetes mellitus auf und stellt sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das DDZ gehört der „Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz“ (WGL) an und ist Partner im Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD e.V.).www.ddz.de

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