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23.09.2016

Zuckerkrank – Diabetes ist keine süße Sache

Telefonaktion des "Münchner Merkur" am 16. September: Diabetes-Experten beantworten Leserfragen

Quelle: fotolia

In Deutschland leiden rund sechs Millionen Menschen an Diabetes, d.h. der Blutzuckerspiegel ist zu hoch. 90 Prozent sind von Typ-2-Diabetes betroffen, der in den meisten Fällen Folge von Übergewicht und Bewegungsmangel ist. Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung und die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der Neuerkrankungen steigt bei beiden Diabetes-Formen rapide an. Jeden Tag kommen rund 1000 neue Diabetesdiagnosen hinzu. Experten schätzen, dass etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes erkrankt sind, ohne es zu wissen.

Der Arzt diagnostiziert den Diabetes durch die Messung des Blutzuckerspiegels bzw des Langzeitblutzuckerwert HbA1c, der aussagekräftiger ist. Typ-1-Diabetes Patienten können einen gesunden Blutzuckerspielgel nur über das Spritzen von Insulin aufrecht erhalten.  Der Typ-2-Diabetes kann zu Beginn meist durch eine Änderung des Lebensstils und/oder orale Antidiabetika („Zuckertabletten“) behandelt werden. Bei fortgeschrittetner Erkrankung müssen Typ-2-Diabetes Patienten ebenfalls Insulin spritzen. Um schwerwiegende Folgeerkrankungen am Gefäßsystem und den Nerven (u.a. Augen- und Nierenschäden, Herzinfarkt, Schlaganfall, Fußkomplikationen) zu verhindern oder deren Fortschreiten zu verlangsamen, sollen die Diabetespatienten frühzeitig eine leitliniengerechte gerechte Therapie erhalten.
Die Partner des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), so auch das Helmholtz Zentrum München, forschen gemeinsam nach den Ursachen der Stoffwechselerkrankung, nach Möglichkeiten der Vorbeugung und nach neuen Behandlungsmöglichkeiten, um das Entstehen zu verhindern und/oder  ein Fortschreiten der Erkrankungen aufzuhalten.
Die Telefonaktion zu Diabetes wurde gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD), der Deutschen Diabetes Stiftung (DDS) und dem Diabetesinformationsdienst des Helmholtz Zentrums München durchgeführt. Die Diabetes-Experten Professor Dr. med. Andreas Fritsche, Professor Dr. Dr. h.c. Martin Hrabé de Angelis, Professor Dr. med. Rüdiger Landgraf und Dr. med. Katharina Warncke beantworteten die Leserfragen.  

Mein Hausarzt sagt, dass ich aufgrund meiner Blutzuckerwerte noch keine zuckersenkenden Medikamente nehmen müsse, aber der Kardiologe, der mich wegen einer Gefäßverengung in den Herzkranzgefäßen behandelt, meint, ich solle Metformin nehmen. Was soll ich tun?
Von Metformin ist bekannt, dass es neben seiner blutzuckersenkenden Wirkung auch vor Herzgefäßerkrankungen wie einem Herzinfarkt schützen kann. Deshalb ist es das Mittel der ersten Wahl bei Diabetes. Das Helmholtz Zentrum München und das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung untersuchen zur Zeit die genaue Wirkung von Metformin und wie die positive Wirkung des Medikamentes individuell vorausgesagt werden könnte. Grundsätzlich wird empfohlen, Metformin zu nehmen, wenn durch gesunde Ernährung und Bewegung der HbA1c-Wert nicht im Normalbereich unter 6,5 Prozent gehalten werden kann.

Ich hatte während der Schwangerschaft Diabetes. Wie hoch ist mein Risiko in den kommenden Jahren an Diabetes zu erkranken?
Nach einem Schwangerschaftsdiabetes sollte der Blutzuckerwert weiterhin beobachtet werden. Auch bei einer gesunden Lebensführung mit gesunder Ernährung, Sport, nicht Rauchen und wenig Alkohol sollte vorsichtshalber alle ein bis zwei Jahre der Langzeitblutzuckerwert gemessen werden. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, die ihr Kind stillen, ein um 40 Prozent verringertes Risiko haben, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Warum sind die empfohlenen Nüchtern-Blutzuckerwerte heute niedriger als vor einigen Jahren?
Wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft legen die Werte von Blutzucker und Blutdruck etc. nach der bestmöglichen Evidenz fest. Das heißt, dass die Werte heruntergesetzt worden sind, weil wissenschaftliche klinische Studien gezeigt haben, dass ein deutliches Gefäßrisiko bereits bei niedrigeren als den bis dahin geltenden Werten beobachtet wurde.

Bei mir wurde nach einer Nierentransplantation Diabetes diagnostiziert. Muss ich mir jetzt Sorgen um meine Füße machen?
Auf die Durchblutung der Füße muss jeder Diabetespatient achten. Die Füße sollten regelmässig genau beobachtet werden und der behandelnde Arzt sollte ebenfalls regelmässig die Füße auf Durchblutungsstörungen kontrollieren. Ganz besonders wichtig für Diabetespatienten: nicht Rauchen!

Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Kinder mit Typ-1-Diabetes gibt. Stimmt das und was wird dagegen getan?
Im letzten Jahrzehnt zeigt sich tatsächlich ein Anstieg der Neuerkrankungen beim Typ-1-Diabetes, besonders bei Kindern unter fünf Jahren. Wissenschaftlern am Helmholtz Zentrum München ist gemeinsam mit internationalen Forschern ein wichtiger Durchbruch auf dem Weg zu einer wirksamen  Vorbeugung des Typ­1­ Diabetes gelungen. In aktuellen Studien untersuchen sie, ob Insulin als Schluckimpfung bei Kindern, die an einem Typ-1-Diabetes erkranken werden, das Fortschreiten zur Insulinpflichtigkeit verzögern oder verhindern kann. Das Prinzip entspricht dem der Hyposensibilisierung bei Allergien.

Bei meiner 13jährigen Tochter wurde erst vor kurzem Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Sie ist Leistungssportlerin. Darf sie trotz der Erkrankung Sport treiben?
Menschen mit Typ-1-Diabetes dürfen und sollen sogar Sport treiben. In einer solchen neuen Situation müssen Eltern und Kinder am Anfang erst einmal Erfahrungen sammeln, wie der Körper auf Insulin, Kohlenhydrate und Sport reagiert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gut geschulte Kinder, die viel Sport treiben, sehr gut mit dem Diabetes zurechtkommen, da sie oft sehr genau wissen, dass sie nur dann im Sport Leistung bringen können, wenn sie ihre Blutzuckerwerte im Griff haben. Auf keinen Fall sollte der Sport verboten werden - dann hätte das Kind das Gefühl, dass es krank geworden ist und "zur Strafe" auch noch auf dieses Hobby verzichten muss.

Ich habe gelesen, dass zukünftige Eltern, die sich ungesund ernähren und wenig bewegen, nicht nur das eigene Diabetesrisiko erhöhen, sondern auch an ihre Kinder weiter vererben. Stimmt das?
In der Tat, Studien in Mäusen zeigen, dass ungesunde Ernährung wichtige Schaltstellen im Erbgut beeinflusst. Erste Studien am Menschen deuten in die gleiche Richtung. Sie steigern nicht nur das eigene Risiko für Übergewicht und Diabetes, sondern auch das ihrer zukünftigen Kinder. Das gilt für Väter und Mütter. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München haben festgestellt, dass sich die Lebensweise beider Elternteile auf den epigenetischen Code und auf die damit zusammenhängende Aktivierung von Genen auswirkt. Epigenetik ist ein Teilbereich der Genetik, der die Regulation und die Beeinflussung der Gene durch Umweltfaktoren untersucht. Diese Veränderungen werden bei der Zeugung über Samen und Eizellen an die nächste Generation vererbt. Da epigenetische Vererbung, anders als die genetische, prinzipiell reversibel ist, ist es besonders für werdende Eltern wichtig, auf das eigene Gewicht und den eigenen Stoffwechsel zu achten.

Gibt es eigentlich eine Möglichkeit herauszufinden, ob man ein Diabetesrisiko hat?
Mit Hilfe des Deutschen Diabetes-Risiko-Tests® oder mit dem FINDRISK können Erwachsene ihr persönliches Risiko ermitteln, ob sie innerhalb der nächsten fünf Jahre an Typ-2-Diabetes erkranken. Mit der Durchführung des Tests erhält man Tipps, wie man sein Erkrankungsrisiko minimieren oder verhindern kann. Die online-Version der Tests finden Interessierte unter www.dzd-ev.de oder www.diabetesstiftung.de. Weitere Informationen zu Diabetes finden sich auch unter www.diabetesinformationsdienst-muenchen.de .