News

04.12.2017

Menschen mit Diabetes leiden doppelt so häufig an Depressionen

In Deutschland sind mehr als 6,5 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, die meisten an Typ 2. Davon leiden schätzungsweise 800.000 Betroffene gleichzeitig an einer behandlungsbedürftigen Depression. „Depressionen kommen bei Menschen mit Diabetes damit doppelt so häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung“, sagte Professor Dr. Diplom-Psychologe Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)und DZD-Projektpartner auf der Pressekonferenz „Wenn es dunkel wird – warum Depressionen bei Diabetes ein massives Problem darstellen“ am 30. November 2017.

Quelle: DZD

Lesen Sie hier das  Statement Professor Bernd Kulzer zur Pressekonferenz:

Depressionen sind ein wichtiges und drängendes Thema der Diabetestherapie, denn zwischen beiden Erkrankungen bestehen wechselseitige Beziehungen. Jeder 3. Diabetespatient weist eine erhöhte psychische Belastung auf und läuft Gefahr, eine Depression zu entwickeln, jede 8.- 10. Person mit Diabetes leidet an einer klinischen Depression. Damit kommen Depressionen etwa doppelt so häufig vor wie in der Normalbevölkerung. Insgesamt gibt es damit in Deutschland über 800.000 Menschen, die neben dem Diabetes auch an einer Depression erkrankt sind. Auf der anderen Seite erhöhen Depressionen bei Personen ohne Diabetes aufgrund einer verminderten Insulinempfindlichkeit die Wahrscheinlichkeit, an Typ-2-Diabetes zu erkranken und sind daher ein wichtiger Risikofaktor, der bei der Prävention des Diabetes zu beachten ist.

Summativ sind die Auswirkungen von Depressionen und einer erhöhten Depressivität für den Betroffenen, die Behandler wie auch die Solidargemeinschaft äußerst negativ. Depressionen  erschweren die Diabetesbehandlung, führen zu verschlechterten Blutzuckerwerten, erhöhen das Risiko für Folgeerkrankungen und verschlechtern die Prognose des Diabetes. Die Auswirkungen von Depressionen sind bei Diabetes auch deshalb so gravierend, da die Diabetestherapie fast vollständig in der Hand des Patienten liegt und diese täglich möglichst gut und erfolgreich von dem Betroffenen umgesetzt werden muss. Dies gelingt umso schlechter, wenn aufgrund von Depressionen der Antrieb vermindert ist und Patienten weniger Energie haben, um sich sorfältig um ihren Diabetes zu kümmern. Auch die Neigung zum Grübeln und ein Gefühl der Gleichgültigkeit kann zum Aufschieben oder Unterlassen von Entscheidungen wie z.B. das Messen des Blutzuckers oder körperliche Aktivität führen. Da in der Depression keine positive Zukunftsperspektive vorliegt und negative Gedanken überwiegen, stellen viele Betroffene auch den Sinn der Diabetestherapie in Frage („Warum, Wozu?“). Depressionen führen bei betroffenen Patienten neben dem schlechteren Befinden auch zu schlechteren Blutzuckerwerten und einem ungesünderen Lebensstil mit Bewegungsmangel und einem eher unkontrolliertem Essverhalten. Dies hat Folgen, denn Menschen mit Diabetes und Depressionen haben deutlich mehr Folgeerkrankungen als Diabetespatienten ohne Depressionen. Neben den Behandlungskosten für beide Erkrankungen sind es besonders die erhöhten Kosten für die Therapie der Folgeerkrankungen, die dazu führen, dass die Kosten für depressive Diabetespatienten vergleichsweise ca. 50% erhöht sind.  

Eine bislang ebenfalls unterschätzte Folge von Depressionen bei Diabetes ist die erhöhte Mortalität. Die Arbeitsgruppe um Kruse et al. (1) kam kürzlich in einer vergleichenden Betrachtung der bisherigen Studien zu dieser Thematik (Metaanalyse) zu dem Schluss, dass Depressionen das Sterblichkeitsrisiko bei Menschen mit Diabetes verdoppelt. Verantwortlich sind hierfür wahrscheinlich zwei Faktoren. Bei depressiven Menschen ist das Suizidrisiko erhöht, was bei Diabetes noch einmal deutlicher zu beobachten ist, als bei depressiven Menschen ohne Diabetes.  Eine aktuelle Studie (2) konnte zeigen, dass das Suizidrisiko bei Diabetes etwa 50% im Vergleich zu der Allgemeinbevölkerung erhöht ist, besonders jüngere Männern mit Typ-1-Diabetes sind gefährdet. Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als 2 Personen mit einer Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl!

Für die erhöhte Sterblichkeit von depressiven Menschen mit Diabetes ist vor allem aber der durch Depressionen verursachte intrapsychische chronische Dauerstress verantwortlich, der über die Aktivierung der Hypophysen-Nebennieren-(HPA)-Achse zu einer Erhöhung entzündlicher Prozesse (Inflammation) an den großen und kleinen Blutgefäßen führt, welche sowieso bei Diabetes besonders gefährdet sind. Depressionen sind somit bei Menschen mit Diabetes eine Art „Brandbeschleuniger“ für Gefäßschädigungen, die zu den Folgeerkrankungen des Diabetes führen. Gut zeigen konnten dies kürzlich eine Arbeitsgruppe von Forschern aus Bad Mergentheim und Düsseldorfer, die in Forschungsprojekten des Deutsche Zentrums für Diabetesforschung (DZD) e.V. herausfanden, dass mit Hilfe eines verhaltenstherapeutischen Programms bei Menschen mit erhöhter Depressivität, sich die Stressbelastung des Diabetes reduzieren ließ, was gleichermaßen die Stoffwechseleinstellung verbesserte, die Entzündungsprozesse in den Gefäßen reduzierte, aber auch die Entwicklung von klinischen Depressionen verhindern konnte (3,4,5).

Vor der Therapie steht jedoch die Diagnose einer Depression, die bei Menschen mit Diabetes noch immer viel zu selten gestellt wird. Nur 30% aller Patienten in Deutschland gaben in der internationalen DAWN2-Studie an, vom Arzt nach Depressionen befragt worden zu sein, insgesamt werden über 50% aller Depressionen bei Diabetes bislang nicht erkannt (6). Für Betroffene sind erste Warnanzeichen, wenn die Diabetestherapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet. Auch das Auftreten von Folgeerkrankungen und schwere Unterzuckerungen erhöhen das Risiko für Depressionen. Zur Selbsteinschätzung, ob eine Depression vorliegt,  gibt es im Deutschen Gesundheits-Pass Diabetes einen kurzen Fragebogen mit 5 Fragen (WHO-5), mit deren Hilfe die Patienten selber überprüfen können, ob eine Depression vorliegt und sie sich zur weiteren Abklärung an einen Arzt wenden sollen. Für Ärzte gibt es in der Leitlinie „Psychosoziales und Diabetes“, die auch in einer Praxisausgabe verfügbar ist, wichtige Hinweise zur Diagnostik und Therapie von Depressionen bei Diabetes (7). Fragebögen zum Screening und der Diagnostik von Depressionen wie auch eine Liste aller Fachpsychologen Diabetes DDG, die eine spezielle diabetologische Weiterbildung abolviert haben, gibt es bei der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Psychologie, DDG“ (www.diabetes-psychologie.de).


Sehr zu begrüßen ist, dass sich die psychotherapeutische Versorgung für Diabetespatienten mit komorbiden psychischen Störungen wie Depressionen in Zukunft verbessern wird. Dafür sorgte Anfang des Jahres der 30. Deutsche Psychotherapeutentages in Hannover, der mit großer Mehrheit die Muster-Weiterbildungsordnung der Psychologischen Psychotherapeuten um eine Weiterbildung zur „Speziellen Psychotherapie bei Diabetes“ (http://www.bptk.de/fileadmin/user_upload/Recht/Satzungen_und_Ordnungen/Muster-Weiterbildungsordnung_BPtK.PDF ) erweiterte. Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), die sich für diese Erweiterung stark gemacht hatten, begrüßen die Entscheidung, auch unter Hinweis auf die schlechte Versorgungslage von Menschen mit Diabetes und Depressionen.

Zur Person:
Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernd Kulzer vom Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim ist Leiter des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM),  Dozent an der Universität Bamberg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung.

Literatur:
(1) Hofmann M, Köhler B, Leichsenring F, Kruse J.(2013). Depression as a Risk Factor for Mortality in Individuals with Diabetes: A Meta-Analysis of Prospective Studies. Al Naggar RA, ed. PLoS ONE;8(11):e79809. doi:10.1371/journal.pone.0079809.

(2) Wang B, An X, Shi X, Zhang JA. (2017). Suicide risk in patients with diabetes: a systematic review and meta-analysis. Eur J Endocrinol October 1, 177 R169-R181

(3) Hermanns N, Schmitt A, Gahr A, Herder C, Nowotny B, Roden M, Ohmann C, Kruse J,
Haak T, Kulzer B. (2015). The effect of a diabetes-specific cognitive behavioral treatment program
(DIAMOS) for patients with diabetes and subclinical depression: results of a randomized
controlled trial. Diabetes Care; 38: 551-560
   
(4) Schmitt, A., Reimer, A., Ehrmann, D., Kulzer, B., Haak, T., Hermanns, N., (2017). Reduction of depressive symptoms improved glycaemic control: secondary results from the DIAMOS study. J. Diabetes Complications 2017 Aug 9. pii: S1056-8727(17)30538-X. doi: 10.1016/j.jdiacomp.2017.08.004

(5) Herder, C., Schmitt, A., Budden, F., Reimer, A., Kulzer, B., Roden, M., Haak, T., Hermanns, N., (2017). Association between pro- and anti-inflammatory cytokines and depressive symptoms in patients with diabetes – potential differences by diabetes type and depression scores. Transl. Psychiatry (in press)

(6) Kulzer B, Lüthgens B, Landgraf R, et al. (2015). Diabetesbezogene Belastungen, Wohlbefinden und Einstellung von Menschen mit Diabetes. Deutsche Ergebnisse der DAWN2™-Studie. Diabetologe 11(3):211-218

 (7) Kulzer B, Albus C, Herpertz S, Kruse J, Lange K, Lederbogen F, Petrak F. (2013). Psychosoziales und Diabetes. Diabetologie und Stoffwechsel 8(3):198-242; 8(4): 292-324 https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/leitlinien.html