Auf beinahe jeden Patienten mit Typ-2-Diabetes kommt ein weiterer Erkrankter mit unerkanntem Diabetes. In einer jetzt veröffentlichten gemeinsamen Studie haben das Deutsche Diabetes-Zentrum in Düsseldorf und das Helmholtz Zentrum München herausgefunden, dass die Dunkelziffer des Typ 2-Diabetes in der deutschen Bevölkerung im mittleren Lebensalter fast genauso hoch ist wie die Anzahl der Personen mit bereits bekanntem Diabetes.
Zur Dunkelziffer des Typ 2-Diabetes bei Erwachsenen jüngeren und mittleren Alters lagen für die deutsche Bevölkerung bisher keine bevölkerungsbasierten Daten vor. Im Rahmen des bevölkerungsbezogenen KORA-F4-Surveys fanden Wissenschaftler des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) unter der Leitung von Dr. Wolfgang Rathmann in Kooperation mit PD Dr. Christa Meisinger und Forschern des Helmholz Zentrums München bei 2 Prozent der Personen der Altersgruppe der 35 bis 59-jährigen einen unentdeckten Diabetes. Der prozentuale Anteil mit bereits bekanntem Diabetes war in dieser Altersgruppe mit 2,2 Prozent ähnlich groß.
Das Ergebnis ist Teil des in den Jahren 2006 bis 2008 in der Region Augsburg durchgeführten bevölkerungsbezogenen KORA-F4-Surveys. Eine repräsentative Stichprobe der mittelalten Bevölkerung (35 bis 59 Jahre) nahm dafür an einem oralen Zuckerbelastungstest (OGTT) teil. Dabei wird in einem fest definierten zeitlichen Abstand der Blutzucker vor („Nüchtern-Blutzucker“) und nach einer Glukosegabe bestimmt. Liegt der so beobachtete Blutzucker über den festgelegten Grenzwerten, ist der Diabetes diagnostiziert. Von einer Diabetes-Vorstufe (Prädiabetes) spricht man, wenn der Blutzuckerwert im OGTT erhöht ist, aber die Grenzwerte für Diabetes noch nicht überschreitet.
Ein unentdeckter Diabetes oder ein Prädiabetes fand sich bei insgesamt 16 Prozent der so untersuchten Studien-Teilnehmer. Dabei sind von den 35 bis 44-jährigen 6,5 Prozent von einem unbekannten Prädiabetes oder Diabetes Typ 2 betroffen. In der Altersgruppe der 55- bis59-jährigen gilt dies bereits für rund ein Drittel. Die Häufigkeit des unentdeckten Diabetes und Prädiabetes nimmt also mit steigendem Alter zu.
Die Studie zeigt, dass die hohe Dunkelziffer bei Störungen des Glukosemetabolismus auch im mittleren Lebensalter ein bedeutendes Problem darstellt. „Nur durch ein effektives Screening auch schon im jüngeren Alter kann dem Auftreten von Krankheitskomplikationen wirksam begegnet werden. Versicherte der gesetzlichen Krankenkasse haben ab dem Alter von 35 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf eine Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35), zu der auch die Messung der Blutglukose gehört. Die Teilnahme an solchen Früherkennungsmaßnahmen sollte erhöht werden und die Umsetzung einer Prävention des Typ 2 Diabetes weiter forciert werden“, so Dr. Wolfgang Rathmann vom DDZ.
„Die Daten unterstreichen auch die Relevanz des für die Diabetes-Diagnose verwendeten Tests. ,Etwa 40 Prozent der unentdeckten Diabetes-Fälle konnten nur durch Messung des 2-Stunden-Werts im oralen Glukosetoleranztest (OGTT) festgestellt werden. Diese Fälle wären beim alleinigen Messen des Nüchtern-Blutzuckerwertes nicht aufgefallen,“ ergänzt PD Dr. Christa Meisinger vom Helmholtz Zentrum München.
Originalveröffentlichung:
C. Meisinger, K. Strassburger, M. Heier, B. Thorand, S. E. Baumeister, G. Giani, W. Rathmann: Prevalence of undiagnosed diabetes and impaired glucose regulation in 35–59-year-old individuals in Southern Germany: the KORA F4 Study, Diabetic Medicine 2009; 27,3: 360-362
Weitere Informationen:
KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg), Leiter: Prof. Dr. Dr. H.-Erich Wichmann, stellt eine Untersuchungs-Plattform für bevölkerungsbasierte Gesundheitsforschung in Epidemiologie, Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung dar. KORA ist ein Netzwerk von bevölkerungsrepräsentativen Surveys und darauf aufbauenden Follow-up-Studien. Die Besonderheit dieser Plattform ist die breite Beteiligung externer Partner an der Planung, Durchführung und Finanzierung der einzelnen Vorhaben.
Weitere Informationen: http://www.helmholtz-muenchen.de/kora
Das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) gehört der "Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz" (WGL) an. In der Leibniz-Gemeinschaft sind 86 Institute vereint. Die wissenschaftlichen Beiträge des DDZ sind auf die Ziele der Verbesserung von Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie des Diabetes mellitus und seiner Komplikationen sowie der Verbesserung der epidemiologischen Datenlage in Deutschland ausgerichtet. Daneben versteht sich das DDZ als deutsches Referenzzentrum zum Krankheitsbild Diabetes, indem es Ansprechpartner für alle Akteure im Gesundheitswesen ist, wissenschaftliche Informationen zu Diabetes mellitus aufbereitet und für die breite Öffentlichkeit bereitstellt.
Näheres unter http://www.ddz.uni-duesseldorf.de/index.html und http://www.leibniz-gemeinschaft.de
Das Helmholtz Zentrum München ist das deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt. Als führendes Zentrum mit der Ausrichtung auf Environmental Health erforscht es chronische und komplexe Krankheiten, die aus dem Zusammenwirken von Umweltfaktoren und individueller genetischer Disposition entstehen. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 1680 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens auf einem 50 Hektar großen Forschungscampus. Das Helmholtz Zentrum München gehört der größten deutschen Wissenschaftsorganisation, der Helmholtz-Gemeinschaft an, in der sich 16 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit insgesamt 26500 Beschäftigten zusammengeschlossen haben.